The Empress and the Cake review - a mitteleuropean nightmare

aus: The Guardian (London), 28.9.2016

An old Viennese woman with a strange obsession and her sinister housekeeper ruin a young woman's life in this disturbing story by Linda Stift


An unnamed young woman is invited by an elderly one to share a cake - known in Austria as Gugelhupf - and a nightmare begins. The older woman, Frau Hohenembs, has noticed scars on the younger woman's knuckles: an identifier of bulimia, caused by the teeth as the hand reaches down the throat to stimulate the gag reflex. Frau Hohenembs, in the present day, bears a striking resemblance to the 19th-century Empress Elisabeth, and she and her sinister housekeeper, Ida, draw the narrator into their lives, implicating her in increasingly bizarre situations: the blowing up of a statue of the empress in a Viennese park; the theft of a 19th-century cocaine syringe, in whose use the narrator is then instructed. She is even forced to enter an Empress Sissi (Elisabeth's nickname) lookalike competition.      

This is, in short, one of the oddest novels I have ever read, and also one of the most disturbing. The erosion of the narrator's will is horrifying to watch, although at times what we are seeing is so freakish that the most appropriate reaction is a shocked kind of laughter - the trip the three of them take to a sex museum being a memorable example.

I suspect there is a lot more going on than what we see on the surface. We are, after all, in the city of Sigmund Freud, where you learn to look beneath the superficial and stay alert for the concealed pun. So I wonder whether the names Hohenembs and Ida have not been carefully picked; "Hohenembs" is, to cut a long heraldic story short, a very posh Austrian name, suggestive of authority, and "Ida" is, of course, mainly composed of the Id; this would fit well with Ida's grossness and appetites. However, I should stress that this is not a point the novel belabours. The name "Ida" may only be coincidentally connected to "Id", but then again, as Freud taught us, there are no coincidences.

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The Empress and the Cake is Stift's second novel, originally published in 2007. It is all about appetite, and its torments: its title in German is "Stierhunger", or bulimia (this is a direct translation from the Greek, ox-hunger. Incidentally, I think the translator's name, Jamie Bulloch, really is a coincidence). The narrator goes into some detail about her condition and obsessive, toxic engagement with food, which makes the atmosphere all the more oppressive. There is a remorseless anti-logic to bulimia, which fits neatly with the book's own remorseless progress, composed as it is with all the logic of a bad dream.

You could say the story is a portrait of a diseased Austro-Hungarian soul: the narrative is interspersed with italicised vignettes from the life of the empress who - to her family's distaste, if not horror - used to adore speaking Hungarian (not the done thing in the higher reaches of the Austro-Hungarian court). She would travel incognito among the Viennese and go for long walks during which she would shake off the secret agents sent to follow her; she was eventually assassinated by the anarchist Luigi Lucheni in Geneva.

Frau Hohenembs's relationship with Ida is a corrupted counterpart to the empress's relationship with her beloved lady-in-waiting, Countess Irma Sztáray, and she has, without any adequate explanation I could see, the preserved head of Lucheni in her possession.

Stift has been compared to Kafka, and it isn't hard to see why, though I think a few nuances are lost on a British audience. The book is not an easy read by virtue of its being so disturbing. That said, it is once again a great credit to the enterprising Peirene Press, which has carved out quite a niche for itself in bringing us Weird Contemporary European Novels. (Often, as I have pointed out before, with strange matriarchal figures. Is this a mitteleuropean thing?) Long may it continue to do so.

By Nicholas Lezard     

The Empress and the Cake is published by Peirene. To order a copy for £9.84 (RRP £12) go to bookshop.theguardian.com or call 0330 333 6846. Free UK p&p over £10, online orders only. Phone orders min p&p of £1.99.

Siamesische Zwillinge mit Gruseleffekt

aus: Deutschlandfunk, 7.11.2011

Die siamesischen Zwillinge Paul und Paco wurden als Kinder operativ getrennt, kommen aber beide unterschiedlich gut damit zurecht. Mit maliziösem Einfallsreichtum strickt Linda Stift ihre Geschichte um die ungleichen Brüder und die Mechanismen von Abgrenzung und Eroberung.

Von Katrin Hillgruber

Eine Schere aus schwarzem Gusseisen scheint schwer auf dem Buchumschlag zu liegen. Sie zerschneidet einen weißen Leinenstoff. Zerschnitten wurde einst auch die Verbindung zwischen den Brüdern Paul und Paco. Im Kindergartenalter wurden die siamesischen Zwillinge operativ getrennt. Während für Paul die Schere seine Befreiung von dem lästigen, aufdringlichen Paco symbolisiert, ist dieser bis heute nicht über die Trennung hinweggekommen. Paco, der mittelmäßige Schauspieler, nimmt jede Nacht eine Puppe als Bruderersatz mit ins Bett. Der introvertierte, aber freiheitsliebende Paul dagegen wird oft von einem Albtraum heimgesucht.
Ein entsetzlich vertrautes Gesicht ist an meiner rechten Seite. Das kann nur eine Sinnestäuschung sein. Früher habe ich oft davon geträumt und bin schweißgebadet und zitternd aufgewacht. Die Welt war dann wieder ganz klein und eng. [ ... ] Ich möchte mich aufrichten, aber ich werde durch das Gewicht zurückgehalten. Es zerrt an mir. Mir wird übel. [ ... ] Jetzt erst bemerke ich, dass Paco neben mir liegt, und nach einigen endlos langen Sekunden begreife ich, dass ich keiner Sinnestäuschung unterliege.
Auch in ihrem dritten Roman mit dem treffsicheren Titel "Kein einziger Tag" erweist sich Linda Stift als Spezialistin für unausweichliche Konstellationen und subtile Unterdrückungsmanöver. Stets geht es in ihren psychologisch dicht gewobenen Settings um die Mechanismen von Abgrenzung und Eroberung. Ein Ideal wie die Bruderliebe gerät bei Stift, die ihre Protagonisten bevorzugt in enge Räume zwängt, zur Vorstufe der Hölle. "Das Leben ist kannibalisch. Das eine Ich frisst das andere", zitiert sie Tennessee Williams. Aber verleugnet sich Paul nicht auch ein wenig selbst, wenn er seinen Bruder so sehr ablehnt?
Paco gab dubiose Charaktere in zweitklassigen Fernsehserien, die mich manchmal erwischten, wenn ich das Gerät nicht schnell genug ausschaltete. Dann wurde ich mit meinem Gesicht und Körper konfrontiert. In pseudoeleganten Aufmachungen oder in peinlich bunter Sportkleidung, sonderte ich schlecht geschriebene Dialoge ab, die mir Gänsehaut verursachten, und küsste mit ehrlicher Begeisterung magersüchtige und farblose Blondinen.
Bereits in ihrem 2005 erschienenen Debütroman "Kingpeng" hatte Linda Stift ihr dramaturgisches Talent für ungesunde Symbiosen bewiesen: Die geschwisterliche Verbundenheit zwischen den Jungunternehmern Kinga und Nick droht unter Druck von außen mehr und mehr ins Inzestuöse zu kippen. Eindringlinge treten auf den Plan, in diesem Fall neureiche Nachbarn, die ihre Macht erproben wollen. Nun erzählt sie von einem Brüderpaar, das sich in Hassliebe verzehrt. Worin liegt für die Autorin der besondere Reiz von Geschwisterkonstellationen?
"Ich kann es gar nicht sagen, also, ich bin ein Einzelkind, und vielleicht hat das damit irgendwie zu tun. In Phasen meiner Kindheit oder Jugend habe ich mir vorgestellt, wie das wäre mit Geschwistern oder einem älteren Bruder. Habe mir auch welche gewünscht und vielleicht habe ich mir meine Geschwister hergeschrieben. Also ich finde es faszinierend, das Thema Zwillinge überhaupt. Die Ursprungsidee des Buches war die, dass sich zwei Freunde treffen nach langer Zeit und, also dass quasi einer den anderen besucht und eigentlich nicht mehr weggeht, sich da einnistet. Und irgendwie war dann die Idee, dass sie dann vielleicht Brüder sind. Und dann habe ich mir gedacht: Ach, mach es doch ganz wild, mach doch Zwillinge, und dann eben die siamesischen Zwillinge."
Auch in Linda Stifts zweitem Roman "Stierhunger" hat sich die Ich-Erzählerin ihre Autonomie mühsam erkämpft. Ihr ganzer Stolz ist ihre Wohnung, in der sie sich jedoch bald nicht mehr sicher fühlt. Denn als die labile junge Frau in das Fangnetz zweier militanter Anhängerinnen der Kaiserin Sisi gerät, ist es mit ihrem freien Willen vorbei. So wie die Autorin die Perspektive des weiblichen Opfers aus "Stierhunger" in aller Konsequenz einnahm, so schlüpft sie nun in den glücklich getrennten Zwilling Paul. Er ist mächtig stolz auf seine Operationsnarbe, die für ihn eine Art Sicherung der eigenen Außengrenze symbolisiert. Umso größer sein Entsetzen, als Bruder Paco eines Tages vor der Tür steht. Impertinent wie eh und je beginnt er, sich bei ihm einzunisten. Dazu meint Linda Stift:
"Die Idee hat mich fasziniert dass man nicht mehr in der Lage ist, sich da irgendwie herauszufinden. Einerseits bei 'Stierhunger': Die ist ja dann gezwungen worden mehr oder weniger in die andere Wohnung zu gehen und hier ist es umgekehrt, es kommt jemand in die Wohnung und geht nicht mehr weg. Diese Machtverhältnisse eben, also dass jemand so wenig Macht hat, dass er seine Grenzen gar nicht mehr verteidigen kann."
Trotz einiger Allgemeinplätze aus der Zwillingsforschung und Austriazismen wie "das Keks" statt "der Keks" entfaltet der Roman eine mächtige Sogwirkung. Denn während Paco in der Küche seines Bruders ungefragt für eine neue Fernseh-Kochshow übt, hütet Schreibwarenhändler Paul im Keller ein dunkles Geheimnis. Hat er dort ein Tier oder einen Menschen eingesperrt? Nicht nur durch die Kriminalfälle Kampusch und Fritzl entsteht an dieser Stelle ein sehr spezieller Gruseleffekt, der allerdings dramaturgisch nicht recht überzeugt.
Jedenfalls kann Paul nur vor diesem sogenannten Tier im Keller als singuläre Existenz erscheinen, während seine oberflächliche Freundin längst zu Paco übergelaufen ist. Und der kennt nur ein Ziel: Die Wiedervereinigung mit seinem Zwillingsbruder im Rahmen einer chirurgischen Casting-Show, bei der die Teilnehmer nach einer ersten vom Publikum bestimmten Operation die zweite frei wählen können. Wird das ein Wunschtraum bleiben? Bei Linda Stifts maliziösem Einfallsreichtum kann man nie sicher sein.

Linda Stift: "Kein einziger Tag".
Roman. Deuticke Verlag, Wien 2011. 175 Seiten, 16,90 Euro.

Süskinds Geschwisterpaar

aus: literaturkritik.de, 5.5.2005

Linda Stifts Debütroman "Kingpeng"

Von Peter Mohr

Linda Stift, 35-jährige Kulturjournalistin aus Wien, hat sich mit ihrem Roman-Erstling eine Menge zugemutet. Sie hat ein exponiertes Anti-Heile-Welt-Buch geschrieben, das dem Leser inhaltlich und formal einiges abverlangt.

Im Mittelpunkt steht ein sonderbares Geschwisterpaar von Mitte zwanzig, das einen Partyservice betreibt. Nick kümmert sich rührend um seine Schwester Kinga, seit sie ihren Freund bei einem mysteriösen Autounfall verloren hat. Anfälle von partieller Amnesie suchen die weibliche Protagonistin in losen Intervallen heim, hinter ihrem Ohr ("Ich nenne es das Horn") wächst ein Überbein, das mit seinen Schmerzen - wie ein emotionaler Seismograf - die seelischen und körperlichen Abstürze ankündigt.

Dieses skurrile Paar - ein inzestuöses Verhältnis wird nur latent angedeutet - lebt in einer schäbigen Wiener Mietwohnung und beobachtet zunächst neidvoll die gegenüberliegende "Terrakotta-Insel" der Upper Tens. Irgendwann werden sie von den Nachbarn eingeladen und mischen selbst mit in dem schrägen Treiben, das sie zuvor mit Argwohn aus der Distanz beobachtet hatten. Kinga, die stets die Unterhosen ihres Bruders trägt, verliebt sich in den smarten Butler Pavel, Nick denkt pragmatisch und macht sich an die Hausherrin ran. Er hofft, über sie neue Kunden für den nur mäßig florierenden Partyservice zu gewinnen. Kein Wunder, dass das Geschäft schlecht läuft, denn Kingas Kochkünste sind bescheiden, Nudeln und eine Sauce sind Standard. Die Sauce allerdings liefert den großen Gag, sie befindet sich in einer fehlproduzierten Tube, die sich nur in voller Länge öffnen lässt.

Nichts für Gourmets - so wie der gesamte Roman, in dem einiges an Ekligkeiten zu ertragen ist. In der Küche tummelt sich das Ungeziefer, überall stinkt es (die Hitze eines Jahrhundertsommers treibt den Geruchswahnsinn auf die Spitze), zumeist nach Körperausscheidungen, die Kinga wie eine Chemielaborantin mit ihrer feinen Nase analysiert. Der Ausflug des Paares in die "besseren Kreise" wird allerdings ziemlich abrupt beendet, nachdem Butler Pavel tot auf der Terrasse aufgefunden wird. Am Ende trennen sich gar die Wege von Kinga und Nick, der seiner Schwester eine Reise ins chinesische Kingpeng vorgeschlagen hatte, und als Leser wüsste man gerne, wie es mit diesen beiden Paradiesvögeln weitergeht.

Linda Stift hat ihrem ersten Roman nicht nur ein großes Erzähltempo mit auf den Weg gegeben. Durch die eingeflochtenen Thrillermomente hetzt man förmlich dem offenen Ende entgegen. Zurück bleiben die Todesfälle, eine präzise beschriebene Vielfalt der Gerüche, ein schräges Figurenensemble und eine kaum zu unterdrückende Erinnerung an Patrick Süskinds Weltbestseller "Das Parfüm".

Linda Stift: Kingpeng. Roman.
Deuticke, Wien 2005.
156 Seiten, 16,90 EUR.